Der Hochaltar, eine Offenbarung
Das Breisacher Münster hat, wie die meisten mittelalterlichen Kirchen, eine Fülle von Altären besessen.[1] Die Krone seiner Altäre und mit ihm einer der Höhepunkte der Bildhauerkunst der Spätgotik ist der 1526 vollendete Hochaltar des Meisters HL[2], der sich nach dem Durchschreiten des Lettners und der Passage an dem schönen Chorgestühl[3] vor uns auftut. HL hat sicher den kurz davor entstandenen Hochaltar des Freiburger Münsters gekannt. Er hat aber die Virtuosität des Freiburger Altares noch weiterentwickelt, obwohl er als Bildhauer mit einem spröderen Material zu tun hatte. Der Faltenwurf der Kleidung von Maria, Gottvater und Christus ist bis an die Grenzen des Möglichen gesteigert und die Kronen sind vergrößert und bei Maria sogar mit einem Himmelskonzert versehen. HL hat in Breisach einen Altar geschaffen, der sich durch außergewöhnliches Können und einen unverwechselbaren eigenen Stil auszeichnet. Mehr Bewegung im Zentralbild der Marienkrönung ist kaum möglich. Mitten in der begonnenen Reformation ist der Altar nochmals ein großes Glaubensbekenntnis. Er schildert im zentralen Mittelteil die höchste Vollendung, die ein Mensch erlangt hat. HL begleitet diese Darstellung in den Seitenflügeln mit den beiden Kirchenpatronen, dem hl. Stephanus und dem hl. Laurentius (links) sowie den Stadtpatronen, dem hl. Gervasius und dem hl. Protasius (rechts). Sie sind die „Wolke von Zeugen“, die uns umgibt (Hebr 12,1). Kirchenpatrone und Stadtpatrone sind in der gleichen Größe dargestellt. Dass der Künstler sie vor einen ruhigen Hintergrund gestellt hat, steigert noch den Eindruck der Virtuosität der Marienkrönung. Unter ihr befinden sich gleichsam als Garanten der frohen Botschaft die vier Evangelisten, die zugleich verschiedene Lebensstufen des Menschen darstellen. Bemerkenswert ist, dass die drei Synoptiker „fast ineinander verwoben“ in ihren Büchern gemeinsam das Evangelium niederschreiben, während Johannes für sich die frohe Botschaft festhält. Wie eine nochmalige riesige Krone steht das Gesprenge über dem Hochaltar. Dass in der Spitze der Schmerzensmann dargestellt ist, zeigt, dass Christus uns die himmlischen Freuden mit seinem Leiden teuer erkauft hat.
Vergleicht man ihn mit zeitgenössischen Marienaltären, kommt man zu der Ansicht, dass das Außergewöhnliche seiner Wirkung auch darin liegt, dass der Bildhauer sich auf eine einzige Szene im Mittelbild, die Marienkrönung, als dramatischen Höhepunkt, beschränkt hat, während andere Marienaltäre oft viele Details aus dem Marienleben bringen.
Der Altar entstand am Ende der Gotik und hat schon aus der Virtuosität und Überschwänglichkeit des noch ferne liegenden Barockstiles geschöpft, was die Dramatik der Krönung und auch die Darstellung der zahlreichen Putten[4] offenbaren, die zwischen Maria und den göttlichen Personen ein himmlisches Konzert veranstalten. Es ist Zeugnis der ewigen Freuden, die allen Menschen verheißen ist: „Ihn habt ihn nicht gesehen und dennoch liebt ihr ihn; ihr seht ihn auch jetzt nicht, aber ihr glaubt an ihn und jubelt in unsagbarer, von himmlischer Herrlichkeit verklärter Freude, da ihr das Ziel des Glaubens erreichen werdet: euer Heil“. (1Petr 1, 8-9)
Bis in die jüngere Zeit wurde die Liturgie am Stephanusfest und Maria Himmelfahrt am Hochaltar gefeiert. Da heute der Hochaltar normalerweise nicht mehr für die Liturgie benutzt wird, nehmen im Chor jetzt die Kinder am Gottesdienst teil.
Ein theologisches Konzept des Breisacher Münsters?
Eine Barockkirche hat meist ein geschlossenes theologisches Konzept, vor allem wenn es von einem gelehrten Abt oder Mönch den Künstlern vorgegeben wurde. Dies gilt üblicherweise nicht für mittelalterliche Kirchen, die immer wieder dem Zeitgeschmack angepasst wurden, dadurch und durch kriegerische Auseinandersetzungen herbe Verluste erlitten. Das Beeindruckende am Breisacher Münster ist indessen, dass die verschiedenen historischen und künstlerischen Schichten, die im Laufe der Jahrhunderte das Gotteshaus prägten, uns ein überzeugendes Konzept hinterlassen haben. Es empfängt uns mit dem 'Jüngsten Gericht', das uns zur Entscheidung auffordert, und endet schließlich mit der himmlischen Verklärung in der Marienkrönung des Hochaltares. Und ein entscheidendes theologisches Konzept ist schließlich vor allem die Tatsache, dass dieses Gotteshaus über die Jahrhunderte allen Stürmen widerstand und ein immerwährendes Lob Gottes über die Stadt und unsere Landschaft verkündet.

Quelle: Martin Hau









